SEAWORLD VENICE, 2026 © Nicole Marianna Wytyczak
Der Wasserspiegel steigt. Wasser, das wir in unzähligen Zyklen täglich trinken und ausscheiden. Wasser als lebendige, lebenswichtige Ressource – und als streng kontrolliertes Gut. Wasser, in das wir uns fallen lassen, in das wir eintauchen und aus dem wir, vielleicht verwandelt, wieder auftauchen.
Als Unterwasser-Themenpark, Kläranlage und sakraler Bau zugleich konzipiert, verkompliziert SEAWORLD VENICE die Dualismen von Reinheit und Verschmutzung, von Schuld und Sühne, und macht den Abfall sichtbar, der sonst verborgen bleibt – und doch allgegenwärtig ist. Die Körperflüssigkeiten der Besucher:innen – unsere eigenen organischen Abfälle – werden zum Wohnraum der im Pavillon lebenden Performer:innen. Der Pavillon wird zu einem maschinenähnlichen Organismus, in dem Handlungen und ihre Konsequenzen unaufhörlich verhandelt werden.
Eine Kirchenglocke hängt über dem Pavillon: Zeichen des Sakralen, Symbol der verrinnenden Zeit, Ruf zur Versammlung, Warnsignal. Die rhythmische, verkörperte Ausdauer einer den Klöppel ersetzenden Performer:in läutet die erschöpften Strukturen patriarchaler Geschichte und religiöser Autorität aus - und eine Welt ein, die sich vermehrt den Wellen hingibt. Der Pavillon ist geflutet. Ein Jet Ski zieht seine Kreise: ein Monument der ökologischen Katastrophe, angetrieben vom Turbokapitalismus, der noch immer mit der sinkenden Stadt kollidiert. Eine überdimensionale Wetterfahne durchstößt die Architektur und ersetzt die fixierten Denkmäler der Vergangenheit durch eine rotierende, weiblich* besetzte Kreuzabnahme. Das Motiv der heiligen Niederlegung wandelt sich zu einem drehenden Monument kollektiver Stärke. Während sich die Körper im wechselnden Wind drehen, markiert die Arbeit eine radikale Abkehr vom Status quo – ein Vorzeichen für den aufbrechenden Kurs einer sich wandelnden Gesellschaft.
Im hinteren Bereich des Pavillons setzt sich die Verheißung des Fortschritts als „frankensteinartige“ Dystopie fort. Roboterhunde waten hinter Glas durch stetig steigendes Wasser und fungieren als mechanische Cerberi eines zentralen Opferaltars. Hier lebt eine Performer:in in einem Wassertank, gespeist vom Urin der Besucher:innen. Dieses Closed-Loop-Recyclingsystem wird zur rohen Metapher eines Lebens im Abfall anderer – zur instinktiven Reflexion einer globalen Ordnung, in der gefährdete Bevölkerungsgruppen und ganze Nationen im Müll der Mächtigen landen. In diesem Reservoir trägt die Performer:in Schicht um Schicht die tradierte Romantik von Giorgiones Schlafender Venus ab. Sie ist nicht länger die stille, auf Samt gebettete Muse, sondern eine Überlebende, die aus den Trümmern einer in Urin aufgelösten Zivilisation herausstarrt. Die in Venedig beschworene „Schönheit“ ist kaum noch vom Abfall zu trennen, den sie hervorbringt.
Das (Öko-)System ist außer Kontrolle geraten. Vom Menschen verursachte Überflutungen, ein Leben im Abfall anderer, robotische Höllenhunde, die den Weg in die Zukunft weisen. Rituale erscheinen notwendig – nicht zur Reinigung, sondern zur Konfrontation. Und so muss der Dreck herbeigerufen werden.
